Ein Ort: das ist gelebte, gemachte Geschichte, viel mehr als bloße Kulisse. Es ist nicht egal, wo eine Handlung situiert ist, denn der Ort spielt mit. Ein Ort: das ist gelebte, gemachte Geschichte, viel mehr als bloße Kulisse. Es ist nicht egal, wo eine Handlung situiert ist, denn der Ort spielt mit.
Im Schatten des Breitenbrunner Turms steht der Streckhof, James A. Michener, „Die Brücke von Andau“
Über eine kleine Holzbrücke bei Andau flohen 1956 unmittelbar nach der Niederschlagung des ungarischen Aufstands durch sowjetische Truppen zehntausende Menschen nach Österreich. Der US-amerikanische Bestsellerautor James A. Michener hielt dieses Ereignis 1957 in einem dokumentarischen Buch fest, dessen deutsche Übersetzung, „Die Brücke von Andau“, 1985 bei Knaur erschien.n dem die bildende Künstlerin Fria Elfen (*1934) in Fortführung der bekannten Künstler*innengemeinschaft „Werkstatt Breitenbrunn“ ihre Plexiglas-Sprach-Konstellationen fertigt – nachzulesen im Sammelband „Werkstatt Breitenbrunn 1967 – 1980“, Hrsg. Sabine Kritsch-Schmall und Eva Maltrovsky (edition lex liszt 12, 2013).
In Breitenbrunn steht auch der Schreibtisch der Roman- und Krimiautorin Bernadette Németh, die u.a. den Krimi „Neusiedler Tod“ schrieb, erschienen bei Gmeiner.
Johanna Sebauer, „Nicshof“
Irgendwo an der ungarischen Grenze liegt ein Ort, der „Nincshof“ heißt – also „Nichtshof“, möglicherweise in der Nähe von Wallern und Kitz. Ein engagiertes Grüppchen von Nincshofer*innen möchte vor allem eins: Ruhe. Das geht nur ohne Touristen und am besten ohne irgendeine Form von Kontaktaufnahme aus der Außenwelt. Deshalb wird von den „Oblivisten“ eifrig daran gearbeitet, dass Nincshof vergessen wird. So schildert es zumindest Johanna Sebauer in ihrem gleichnamigen Debütroman (DuMont, 2023).
Theodora Bauer, „Chikago“
1902 kam der Burgenland-Auswanderer Josef Zambach zurück aus dem amerikanischen Chicago. Als ein neuer Ortsteil entstand, merkte er an, die Bautätigkeit erinnere ihn an jene „bei uns, in Chicago“ – damit war der Name des Kittseer Neubaugebiets geboren, angepasst an die deutsche Aussprache mit einem „k“ in der Mitte.
Chikago ist titelgebend für Theodora Bauers Roman (Picus, 2017), der das Schicksal der Burgenland-Auswanderer anhand der fiktiven Geschichte von Feri und der schwangeren Katica beleuchtet.
Franz Werfel, „Cella oder Die Überwinder“
Franz Werfel und seine Frau Alma Mahler-Werfel haben in der Zwischenkriegszeit das Nordburgenland bereist und hier Freundschaften gepflegt, u. a. mit dem Komponisten Jenö Takács und der Eisenstädter Familie Wolf. Als das Ehepaar Werfel nach dem Einmarsch der Nazis fliehen musste, entstand bereits auf dem Weg in die USA das Romanfragment „Cella oder Die Überwinder“: Hans Bodenheim, Rechtsanwalt in Eisenstadt, wird 1938 buchstäblich der Boden unter den Füßen weggezogen. Aus nächster Nähe erlebt er den „Anschluss“ und die Folgen mit.
Das Romanfragment erschien posthum. Werfel hat die Arbeit an diesem Roman abgebrochen, da er die Ereignisse als eigentlich nicht schilderbar empfand.
Robert Musil, „Die Verwirrungen des Zöglings Törleß“
Nicht explizit erwähnt, aber Musils Biographie zufolge – hier besuchte er die Militär-Unterrealschule – ist Eisenstadt Hintergrund von Musils Romanerstling, erschienen 1906 im Wiener Verlag. Törleß ist Zögling eines Internats und quält im Verbund mit zwei weiteren Mitschülern einen Jungen, den das Trio bei einem Diebstahl ertappt hat. Der Roman dreht sich um die Suche nach den Mechanismen von Macht und autoritären Strukturen; Musil wollte ihn symbolisch verstanden wissen. Manche Interpretationsansätze meinen, er habe künftige diktatorische Strukturen vorausgesehen.
Helmut Milletich, „Tod in Eisenstadt“
Milletich lässt die Krimihandlung, die der Titel „Tod in Eisenstadt“ (Edition Roetzer, 2012) verspricht, bald Krimihandlung sein – sie entpuppt sich als Vehikel eines Portraits des bürgerlichen Lebens in Eisenstadt. Manche Örtlichkeiten dienen zur Illustration des gesellschaftlichen Lokalkolorits und der Verfasstheit vor Ort, etwa, wenn die Kellnerin des „Cafés beim Kulturzentrum“ sich eigentlich nicht einladen lassen darf, „denn das Personal war angehalten zu einer distanzierten Reserviertheit, die Leute kamen auch alle aus anderen Gegenden, nicht aus dem Burgenland“. Man bleibt unter sich: letztendlich undurchdringlich, undurchschaubar, nur dem Einheimischen zugänglich, was dem Erzähler, der selbst Einheimischer ist, widerwärtig ist.
Siegmund Kleinl, „Haydns Sprache, Haydns Erscheinung“
Eisenstadt, wo Joseph Hayden von 1761 bis 1790 als Hofkapellmeister des Fürsten Esterházy tätig war, bildet den Hintergrund für Siegmund Kleinls im 200. Todesjahr Haydns erschienenes Buchprojekt (edition lex liszt 12, 2009). In der Erzählung „Haydns Sprache“ sinniert der Meister über sein Leben, seine Arbeit und sein Werk und betritt im Schauspiel „Haydns Erscheinung“ die Bühne des 21. Jahrhunderts, auf der er verwundert feststellt: „Was für ein Theater man mit mir macht!“
Alfred Fürst, „Sitten und Gebräuche in der Eisenstädter Judengasse“
Alfred Fürst beschreibt in seiner 1908 in Székesfehérvár erschienen Abhandlung die Bedeutung der jüdischen Gemeinde für Eisenstadt, diesem „in sich selbst versunkenem kleinen Städtchen“, wobei er nicht nur die Architektur der Judengasse, sondern auch die Lebensweise ihrer Bewohner, deren religiöse Sitten und profane Bräuche und das rege jüdische Vereins- und Stiftungsleben um die Jahrhundertwende dokumentiert.
Peter de Mendelssohn, „Über den dunklen Fluss“
Auf historischen Ereignissen, konkret auf der Vertreibung der einheimischen jüdischen Bevölkerung aus Kittsee und Pama, fußt der 1939 im Exil veröffentlichte Roman „Across the Dark River“ von Peter de Mendelssohn, der 2021 in der edition lex liszt 12 erstmals in deutscher Übersetzung erschien. Bereits im April 1938 wurden die jüdischen Bewohner*innen aus ihren Häusern geholt und auf einer Sandinsel in der Donau ausgesetzt. Erst durch den Einsatz jüdischer Hilfsorganisationen aus Bratislava gelang es, diesen Ausgesetzten, denen erste Hilfe aus dem tschechischen Dorf Devín zuteilwurde, sichere Aufnahmeländer zu finden.
Sebastian Janata, „Die Ambassadorin“
Genauer zu lokalisieren ist er nicht, jener Ort, den Sebastian Janata, Mitglied der Band „Ja, Panik“, in seinem Debütroman „Die Ambassadorin“ (Rowohlt, 2020) zwischen zwei Hügeln des Leithabirges lokalisiert: „Genau zwischen diesen Pobacken, in der Falte, wenn man so will, steht unser Haus“. Hans Navratil kehrt dorthin zurück, um am Begräbnis seines Großvaters teilzunehmen; rasant entwickelt sich eine Krimihandlung rund um eine Flinte und eine Tasche voll Geld.
Hertha Kräftner, „Kühle Sterne“
Herta Kräftner zählt zu den gewichtigsten Stimmen des Burgenlandes: die gebürtige Mattersburgerin war vor ihrem frühen Freitod 1951 Mitglied des literarischen Kreises, der sich im Wiener Café Raimund traf, darunter eine junge Friederike Mayröcker, Jeannie Ebner und H.C. Artmann. Ihre Notizen und Tagebücher verarbeiten nicht nur Eindrücke aus der Kindheit in Mattersburg, sondern greifen aus: auch Norwegen und Paris gehören zu Kräftners Lebensstationen. Ihre Texte sind unter dem Titel „Kühle Sterne“ 2001 bei Suhrkamp erschienen.
Peter Berczeller, „Der kleine weiße Mantel“
Peter Berczeller verwebt in seinem Buch „Der kleine weiße Mantel“ (Metroverlag, 2013) die Geschichte seines Werdegangs zum Arzt, mit der Geschichte der Emigration seiner Familie. An der Seite seines Vaters, der in den Dreißigerjahren Hausbesuche in Mattersburg durchführt, lernt der dreijährige Peter den Arztberuf kennen und möchte später selbst Mediziner werden. Dieser Traum erfüllt sich auch, jedoch nicht wie erhofft in der Heimat, sondern in New York, wohin Peter Berczeller im Jahr 1938 als Siebenjähriger mit seiner Familie über die Stationen Paris und Afrika flüchten muss, um den Holocoust zu überleben.
Gerhard Roth, „Der See”
Gerhard Roth ließ im Roman „Der See“ (S. Fischer, 1995) den Journalisten Paul Eck in die Gegend um den Neusiedler See reisen, um das Verschwinden seines Vaters zu recherchieren. Als Eck von einem Hügel aus auf den See blickt, findet gerade eine Entenjagd statt, wie Klumpen fallen die abgeschossenen Tiere vom Himmel: ein passender Einstieg in die bedrückende Handlung, in der Roth auch die politische Landschaft des Österreichs der 1990er-Jahre thematisiert (Stichwort Jörg Haider).
Kaus Hoffers, „Bei den Bieresch“
Klaus Hoffers Phantasmagorie „Bei den Bieresch“ (Droschl, 1979) schickt den Erzähler Hans zu den „Bieresch“, einer fiktiven Volksgruppe im Seewinkel. Dort muss er, einem archaischen Brauch zufolge, die Rolle des jüngst verstorbenen Verwandten einnehmen und beobachtet die Rituale und Gepflogenheiten dieses seltsamen Völkchens aus nächster Nähe. Dieses Buch „lässt sich mit keinem anderen vergleichen“, hieß es in der Rezension der Neuen Zürcher Zeitung.
Bernadette Nemeths, „Neusiedler Tod“
Bernadette Nemeths „Neusiedler Tod“ (Gmeiner, 2024) ist ein Kriminalroman, der anhand der Recherchen der Hauptfigur, der Journalistin Laura, auch das Thema der zunehmenden Austrocknung des Neusiedler Sees in den Blick nimmt.
Helmut Milletich, „Tod in Eisenstadt“
Verständlich: der zweisprachige Ort Oslip/Uzlip (burgenlandkroatisch), ein Nachbarort von Eisenstadt, ist Sehnsuchtsort in Helmut Milletichs „Tod in Eisenstadt“ (Edition Roetzer, 2012), an dem, nicht zuletzt durch die zweite (burgenlandkroatische) Sprache, in einer Art Verschiebung ein „anderes Leben“ möglich ist oder herbeigeträumt wird. Oslip fungiert als Projektionsfläche für alles, was an einer als besser vermuteten Vergangenheit vermisst wird: „Vielleicht aber ist dieser Hang zum Historismus, der in den Städten um die Jahrhundertwende so stark gewesen ist, jetzt nur mehr in den Dörfern auslebbar. In diesem kleinen kroatischen Dorf haben wir dieses Konservieren von Lebensformen und Landschaften anfangs besonders stark gespürt, – die kroatische Sprache, die in Kroatien gar nicht mehr so gesprochen wird wie in diesen burgenländischen Reservaten, in Oslip, in Hornstein, in Parndorf, in Siegendorf, in Klingenbach, was weiß ich wo noch. Und dann diese letzten Reste von Flussäderchen, von Hecken und Sträuchern, von bäuerlichem Verhalten und von Agrartechnik; und dennoch hatten wir immer das Gefühl, in aller Weiterentwicklung wird hier auch noch bewahrt. (…) Aber dann lässt die Romantik nach, und man denkt, dass man am nächsten Tag bei eisigen Straßenzuständen ins Spital muss.“
Bernadette Németh, „Der Rest der Zeit“
Die in Breitenbrunn lebende Autorin Bernadette Németh erzählt in ihrem Familienroman „Der Rest der Zeit“ (Verlag Wortreich, 2017) unter anderem die Geschichte eines Mannes (des Vaters der Protagonistin), der als ungarischer Flüchtling beim Volksaufstand 1956 über die Rübenfelder des Hanság nach Österreich flüchtet. In Pamhagen findet er bei einer Familie Unterschlupf, bevor er in das Flüchtlingslager Traiskirchen weitergebracht wird.
Theaterstück „71 oder Der Fluch der Primzahl“
Stau in Parndorf. Einkaufszentrum? Shoppingwahn? Nein. – Am 26. August 2015 wurde nahe Parndorf auf dem Pannenstreifen der Autobahn ein LKW geborgen, aus dem Flüssigkeit tropfte. Wie sich herausstellte, waren es die sich zersetzenden Körper von 71 Menschen, die auf der Flucht in einem Kühl-LKW erstickt waren.
Nachdem der Leiter des Theater Sommers Parndorf, Johann Maszl, den burgenländischen Regisseur Peter Wagner gefragt hatte, warum noch kein burgenländischer Autor, keine Autorin sich mit diesem Ereignis auseinandergesetzt hatte, lud Wagner 20 burgenländische Literat*innen zu Beiträgen ein, die zu einem großen Theaterstück montiert wurden. „71 oder Der Fluch der Primzahl“ blickt in und kreist um diesen LKW der absoluten Bösartigkeit. Zwischen die Texte montierte Peter Wagner Interviews mit Menschen, die in die Aufarbeitung dieser Tragödie involviert waren.
Heinz Vegh, „Shopping Town 66“
Parndorf ist außerdem, Stichwort Einkaufszentrum, (verschleierter) Schauplatz von Heinz Veghs rasantem Road-Roman „Shopping Town 66“ (Edition Marlit, 2011): es befindet sich im Niemandsland an der Nord-Ost-Grenze und ist Knotenpunkt der aberwitzigen Reise eines Glücksritters namens Hans Haberleitner, der beim Versuch, gestohlene Unsummen außer Landes zu bringen, auf Alois Brunner trifft, Sturmbannführer auf der Flucht. Vegh nutzt die architektonische Struktur der Shopping Town zur Symbolisierung einer Gesellschaft, die nach einer Oben-Unten-Achse geordnet funktioniert, wobei „Oben“ mit Reichtum und Macht assoziiert wird und „Unten“ mit Unterdrückung und Strategien, dieser Unterdrückung zu entkommen.
Franz Werfel, „Die wahre Geschichte vom geschändeten und wiederhergestellten Kreuz“
Franz Werfels 1942 als Privatdruck im Exil in Los Angeles publizierte Erzählung verhandelt das Thema der Solidarität und Menschlichkeit angesichts der Grausamkeit der Nationalsozialisten.: In Parndorf sorgen der katholische Priester Ottokar Felix und der jüdische Rabbiner Doktor Aladar Fürst für ihre jeweilige Gemeinde. Als nach dem Anschluss Österreichs im Jahr 1938 der jüdischen Bevölkerung Parndorfs die Vertreibung droht, versucht Pfarrer Felix entgegen den Anweisungen der katholischen Kirche zu intervenieren, jedoch erfolglos. Er begleitet daraufhin die Vertriebenen bis zur ungarischen Grenze, wohin sie von Nationalsozialisten eskortiert werden. Dort verwehren ihnen ungarische Grenzbeamte die Weiterreise. Nachdem Rabbi Fürst ein zum Hakenkreuz verunstaltetes Grabkreuz des Mörbischer Friedhof in seinen Ursprungszustand zurückversetzt hat, wird er von einem Nationalsozialisten erschossen. Fürsts Ermordung bewegt den ungarischen Major, die jüdischen Familien trotz der geltenden Gesetze nach Ungarn einreisen zu lassen.
Helmut Stefan Milletich, „Apollonia Purbacherin und andere Erzählungen“
In der dem Erzählband (edition roetzer, 1993) titelgebenden Geschichte lässt Helmut Stefan Milletich die vom osmanischen Heer während des Vormarschs auf Wien im Jahr 1683 ausgehende Bedrohung für die Einwohner Purbachs erlebbar werden. Im Zuge einer Brandschatzung wird der Vaters der schönen, jungen Loni, die dem Großbauernsohn Matthias versprochen ist, von einem osmanischen Reiter erschlagen und sie selbst ins Lager der Türken verschleppt. Sie kehrt ein Jahr später in ihr Dorf zurück, wird aber von den Einwohnern als „die Türkin“ verspottet und zur Bettlerin degradiert. Heimkehren und gleichzeitig Fremdsein in der Heimat sein sind zwei wiederkehrende Motive in diesem großteils an burgenländischen Schauplätzen spielenden Erzählband Milletichs.
Heimito von Doderer, „Die Dämonen“
1927: während eines Umzugs der sozialdemokratischen Partei fallen Schüsse, ein Kind und ein älterer Mann werden getötet. Die mutmaßlichen Täter, Angehörige der „Volksfront“, werden vor Gericht gestellt – und freigesprochen. Daraus folgte eine Massendemonstration, in deren Zuge der Justizpalast in Brand gesteckt wurde, und die Erschießung von über 80 Demonstrant*innen durch die Polizei.
Heimito von Doderer lässt eine Szene seines großen Romans „Die Dämonen“ (Biederstein-Verlag, 1956), die sich um dieses Ereignis drehen, in Schattendorf selbst spielen. Josef Grössing und Mathias Csmarits, beide historische Persönlichkeiten, kommen als Romanfiguren in den „Dämonen“ vor. Für ein Treffen des Schutzbunds dient der Wald um Schattendorf als Hintergrund.
Siegmund Kleinl, „DorfMale. ein Umsinnen“
Siegmund Kleinls Heimatdorf Schützen am Gebirge bildet die Inspirationsquelle für seinen umfangreichen Erzählband „DorfMale. ein Umsinnen“ (NN-fabrik, 1998), von ihm als „serieller Roman“ bezeichnet. In 49 Textkörpern nähert Kleinl sich dem Dorf an und verarbeitet literarisch u. a. historische Ereignisse, Kindheitserinnerungen, Familien- und Geschlechterbeziehungen, Feste, Unfälle und Selbstmorde. Dennoch handelt sich nicht um Dorfbeschreibungen im herkömmlichen Sinne, da Kleinl versucht, das Dorf mittels Neologismen, intertextuellen Verweisen, Wortspielen und Komposita als „Sprach-Dorf“ neu entstehen zu lassen.
Sophie Reyer, „Vampyrella“ und „Insektizid“
Die Autorin, Poetin, Komponistin Sophie Reyer hat viele Kindheitssommer bei ihrer Großmutter in St. Andrä verbracht: in ihren Romanen „Vampyrella“ (edition keiper, 2018), eine gewaltvolle Pubertätsgeschichte, und „Insektizid“ (Leykam, 2014) fungiert St. Andrä als Hintergrund. Schilflandschaften ohne Ende, das Sirren von Insektenflügeln und die Suche nach Fledermäusen machen die Kindheit der Protagonistinnen selbst zu einer verzauberten Landschaft. Beide Romane sind eine Spurensuche: welches Geheimnis liegt in den Erinnerungen verborgen?
Joseph Roth, „Reise durchs Heanzenland“
Joseph Roth machte während der Arbeit an seiner Artikelserie „Reise durchs Heanzenland“ 1919 auch in Deutschkreutz Station. Nachdem er bei einem „Tanz- und Polterabend“ als „Fremder“ herausgestochen und „verachtet“ worden war – „Kragen, Krawatte und Hochdeutsch verraten dich“ – fand er bei einer jüdischen Familie die Möglichkeit zu übernachten. Er schildert: „Siebzig jüdische Familien wohnen seit tausend Jahren im Deutsch-Kreuzer Ghetto. Denn sie wohnen alle zusammen, in einer großen Häusergruppe hinter den weiten Gehöften der reichen Bauern und führen ein eigenes Leben. In der Mitte steht der Tempel, mindestens ein paar Jahrhunderte alt.“
Michaela Frühstück, „Teta Jelka überfährt ein (Huhn) Hendl“ und „Missis Karlovits überfährt den Po“
Mjenovo zählt um die 300 Einwohner und ist eigentlich ein Ortsteil von Oberpullendorf – und noch eigentlicher Schauplatz des Rands der Welt und somit der beiden Romane von Michaela Frühstück, „Teta Jelka überfährt ein (Huhn) Hendl“ (edition lex liszt 12, 2015) und „Missis Karlovits überfährt den Po“ (edition lex liszt 12, 2019). In zweiterem werden Lesende nach Italien entführt: Die Theatergruppe von Mjenovo ist auf der Reise nach Brescello, wo die „Don Camillo-und-Peppone“-Festspiele stattfinden.
Michael Loinl, „Beim Bründelkreuz“
Norbert Matkowits,„Der Fall der letzten Templerburg“
Andreas Varesi, „Die Gräfin Báthory“
Als Standort einer sagenumwobenen Burg (samt Blutgräfin) ist Lockenhaus prädestiniert zum literarischen Schauplatz – vor allem im Genre historischer Roman und Thriller, zum Beispiel von Michael Loinl („Beim Bründelkreuz“) oder Norbert Matkowits („Der Fall der letzten Templerburg“, beide im Selbstverlag). Über die „Blutgräfin“ Elisabeth Báthory sind mehrere historische Thriller geschrieben worden, z.B. „Die Gräfin Báthory“ von Andreas Varesi (Aufbau Vorlage , 2009, für die Verfilmung mit Julie Delpy) – wenn die Dame sich auch nur am Rande in Lockenhaus aufgehalten haben dürfte.
Mida Huber, „Meini Kinda“
Die Burg Landsee und Naturbeobachtungen in der Umgebung ihres Hauses spielen in den Texten von Mida Huber eine wichtige Rolle, die es nach zahlreichen Wohnortswechsel 1942 nach Landsee verschlug, wo sie Prosa und Gedichte in Hochsprache und Mundart verfasste und sich zeitweise auch als bildende Künstlerin und Komponistin betätigte. Ihre erste Monographie mit dem Titel „Meini Kinda“ (Volksbildungswerk für das Burgenland, 1951) erschien als Huber bereits 71 Jahre alt war. Ihr sollten zwei weitere „Wegwarten“ (1961) und Stille Pfade“ (1965, beide Österreichischer Bundesverlag) folgen.
Martina Parker: „Zuoagroast“, „Hamdraht“, „Aufblattelt“, „Ausgstochen“ und „Eintunkt“
Eine Reihe von Orte in den Bezirken Oberwart und Güssing, darunter Bildein, Bernstein, Schachendorf, Litzelsdorf, Olbendorf, Oberwart, Kohfidisch, Rechnitz und Buchschachen, bilden den Hintergrund für die Bestseller-Krimis „Zuoagroast“, „Hamdraht“, „Aufblattelt“, „Ausgstochen“ und „Eintunkt“ (Gmeiner Verlag, 2021 bis 2024) von Martina Parker, die ihre Protagonistinnen, Lokaljournalistin Eva und ihren Freundinnen aus dem Klub der Grünen Daumen, ebendort auf Verbrecherjagd schickt, und ihre Leser*innen damit tief in den Lokalkolorit des Südburgenlands eintauchen lässt.
Michael Ondaatje, „Der englische Patient“
Bernstein ist zwar nur indirekt ein Schauplatz, dafür aber einer von Weltrang: Als Inspirationsquelle für seinen Titelhelden im Roman „Der englische Patient“ (dt. Erstausgabe im Hanser Verlag, 1993) diente dem kanadischen Autor Michael Ondaatje der Saharaforscher, Pilot und Automobilpionier Ladislaus Eduard Almásy von Zsadány und Törökszentmiklós, der 1895 auf Burg Bernstein geboren wurde. Der Roman wurde mit Ralph Fiennes in der Hauptrolle verfilmt und 1996 mit insgesamt neun Oscars, darunter „Bester Film“, ausgezeichnet.
Besonders erwähnenswert ist die Güssinger Klosterbibliothek, die u.a. Werke von Carolus Clusius (z.B. die in Güssing verfasste Stirpium Nomenclator Pannonicus, die erste österreichische Pflanzenkunde, Ende 16. Jahrhundert) enthält und 2021 im Festband der Franziskaner detailliert beschrieben zu finden ist: „Bewahrte Geistigkeit und Kulturerbe von drei Nationen“, Hrsg. unter Mitarbeit der Ungarischen Akademie der Wissenschaften.
Die sagenumwobene Burg Güssing war vor allem in den 1990er Jahren Schauplatz von Eigenproduktionen: hier wurden „Süleyman der Prächtige“ von Heinz Koller und, in eigener Regie, Peter Wagners Stücke „Teufel, Tod und Hex“ sowie „Die weiße Frau“, letztere in Anlehnung an eine Sage aus Bernstein, in der Vertonung von Arthur Fandl uraufgeführt.
Christl Greller, „Behaust. Menschen unter Dach im Burgenland“
„… und baue das Großvaterhaus aus Wirklichkeit und Traum“: in dieser Erzählung lässt die Lyrikerin Christl Greller das Haus ihrer Kindheit und den Ort Kleinbachselten mit seinen Streuobstwiesen und Satteldächern erstehen. „Das dörfliche Kommen und Gehen gehört dazu“, schreibt sie – nachzulesen im Sammelband „Behaust. Menschen unter Dach im Burgenland“ (Edition Marlit, 2016).
Stefan Horvath: „Atsinganos“ und „Katzenstreu“
Das historische Oberwart, und zwar das der einheimischen Roma, findet in den Schriften von Stefan Horvath, Vater eines der beim Bombenattentat 1995 Ermordeten, seinen Ort. In „Atsinganos“ (edition lex liszt 12, 2015) zeichnet er die Geschichte der Oberwarter Romasiedlungen nach, in „Katzenstreu“ (edition lex liszt 12, 2007) findet er eine literarische Form für seine Erfahrungen nach dem Attentat.
Petra Piuk, „Talkshow 1933“
Die historischen Protokolle der sogenannten „Zigeunerkonferenz“, die 1933 in Oberwart abgehalten wurde, sind Material für Petra Piuks Stück „Talkshow 1933“. Damals trafen einander Politiker und Behördenvertreter, um über „Maßnahmen „im Umgang mit den burgenländischen Roma zu beraten; Piuk aktualisiert das Geschehen, setzt es auf eine metaphorische Ebene und fragt: Wie schützen wir uns vor den „Blauäugigen“?
Die Uraufführung fand am 8.11.2018 unter der Regie von Angelika Messner im Offenen Haus Oberwart statt.
Clemens Berger, „Paul Beers Beweis“ und „Der gehängte Mönch“
In Clemens Bergers Debütroman „Paul Beers Beweis“ (Haymon, 2015) wird „sein“ Oberwart“, durch dessen Moore er schon in der Erzählsammlung „Der gehängte Mönch“ (edition lex liszt 12, 2003) gestreift ist, auf die Spitze getrieben: Paul Beers Eintreffen führt zum Tod von Marianne, der Ehefrau des Setzers Josef Kelemen.
Elfriede Jelineks „Der Würgeengel (Rechnitz)“
Peter Wagner, „März, der 24.“
Eva Menasse, „Dunkelblum“
Clemens Berger, „Der gehängte Mönch“
Sacha Batthyany, „Und was hat das mit mir zu tun?“
Rechnitz! Du bist – leider – hauptsächlich Schauplatz von Texten, die sich um das Verbrechen von 1945 kreisen.
Elfriede Jelineks „Der Würgeengel (Rechnitz) wie auch Peter Wagners „März, der 24.“ dramatisieren die alkohol- und drogengesättigte Party, während derer es zur Massenerschießung ungarisch-jüdischer Zwangsarbeiter kam. Sie waren zum Bau des „Grenzwalls“ eingesetzt. Eva Menasse setzte Ort wie Ereignis in ihrem Roman „Dunkelblum“ (btb Verlag, 2021) ein Denkmal.
Clemens Bergers Erzählung „Rechnitz“ greift dieses Ereignis ebenfalls auf. Bekanntlich war der Rechnitzer Tobias Portschy Gauleiter des Burgenlandes bzw. nach dessen Auflösung stellvertretender Gauleiter der Steiermark. In Bergers Erzählung, erschienen in seinem Debütband „Der gehängte Mönch“(edition lex liszt 12, 2003) berichtet ein Sanitäter in einem Gasthaus von seiner Weigerung, Portschy nach einem Notruf mitzunehmen.
Sacha Batthyany ist Nachfahre der Gräfin Thyssen-Batthyany, in deren Schloss die berüchtigte Party abgehalten, die Massenerschießung vorgenommen wurde. In seinem Buch „Und was hat das mit mir zu tun?“(Lübbe, 2017) erzählt er aus höchstpersönlicher Perspektive von Reisen nach Österreich, Ungarn, in ehemalige Lager des sibirischen Gulag-Systems, zu einer Auschwitz-Überlebenden nach Buenos Aires. Selbstverständlich bist du, Rechnitz, eine Hauptstation.
Peter Handke, „Die Angst des Tormanns beim Elfmeter“
September 1968: ein späterer Nobelpreisträger wohnt im Künstlerdorf in Neumarkt an der Raab und arbeitet an einem Text – nämlich Peter Handke. In „Die Angst des Tormanns beim Elfmeter“ (Suhrkamp, 1972), einem höchst erfolgreichen Werk, lässt Handke einen Arbeiter namens Josef Bloch nach einem (mehr oder weniger willkürlichen) Mord das Weite suchen. Bloch verlässt Wien und landet in einem „südöstlichen Grenzdorf“.
Im Gästebuch des Vereins Künstlerdorf ist Handkes Dank an Eduard Sauerzopf zu lesen: ohne ihn, so Handke, hätte er während seines Schreibaufenthalts „nur einen Bruchteil dessen“ wahrgenommen, was er als Mikroszenen in die Erzählung einfließen ließ. Blochs Reise führt in sein Innerstes, in seine Angst, ist aber nicht völlig ortlos. Neumarkt a.d. Raab ist hier Pate gestanden.
Peter Wagner, „Lafnitz“
Peter Wagners Stück „Lafnitz“ von 1990 lässt Pendler, „Werktagswitwen“ und Flüchtlinge im Dorf Welten aufeinander treffen. Nicht umsonst hat er Welten mit seinem sprechenden, symbolkräftigen Namen als Handlungsort ausgewählt. Die Lafnitz, der Grenzfluss, steht für die Sehnsucht, die nicht bringt, was sie versprochen hat. Der rumänische Geiger Mihai wird das Dorf am Ende des Stücks verlassen. Die anderen müssen bleiben.
Nach der Uraufführung im Ensemble Theater Wien wurde „Lafnitz“ auch im Nationaltheater Bratislava gezeigt, die Textfassung erschien 1992 im Verlag edition lex liszt 12.