Ort im Gedicht

New York, New York! Oder? Jeder Ort eignet sich zum Gedicht. Denn jeder Ort hat auch seine Liebenden. Egal, ob Rust oder Minihof-Liebau, ob Swing oder Blues – diese Lesereise ist für die inneren Ohren gemacht und kann nahezu endlos werden. Wer weiß, vielleicht schreibst auch du deinem Ort ein Gedicht?

1 / Andau

Andau-Zyklus
Manfred Chobot

andau – vertreibung

dem paradies entkommen
seliger sozialismus
sieh uns nach
entronnen über eine brücke
die es nicht mehr gibt
hüben wie drüben
hat die freiheit
artige gesichter
am weg fratzen
einer vergangenheit
und welche für die Zukunft

andau – grenze: willkür

bergen stein und baum
gestalten gar objekte
stellen sich subjekte dar
harren aus zu erinnern
angeordnet eine flucht
der neuen ordnung wegen
im glauben der irre
wirtschaftet die macht
will küren ihren anspruch
widersprechen baum und stein
trotzig ausgesetzt

andau – fluchtstraße

geradewegs mahnungen
links und rechts
marterln der marter
felder zu bestellen 
im handgepäck leben

2 / Bruckneudorf

Selbstbewusstsein
Klara Köttner-Benigni

Der allererste
InterCity 402 Gerlach
kommt heute
aus Kaschau
an der Hohen Tatra vorbei
durch die ganze Slowakei
stolz herangefahren
und ich stehe allein
am Bahnhof in Bruckneudorf
und vertrete den Verkehrsminister
die ÖBB-Spitze
das Empfangskomitee
und eine ganze Schar Fotoreporter

(14.12.2003)

3 / Klingenbach

klingenbach
Günter Unger

geruch aus einer geöffneten konservendose
von einem deutschen soldaten zurückgelassen
unter dem Fliederbusch, unserem spielplatz 
während ödenburg bombardiert wird

nur wenig später dreht jung- iwan
am schlagbaum zur grenze hin lehnend
aus zeitungspapier eine unförmige zigarette
schenkt uns kindern eine 
mit seinem messer 
zerteilte wassermelone

sein geruch prägt begriffe:
haut schweiß leder
kein landser, erklärt dann vater
aus der gefangenschaft heimgekehrt
wirft eine von der straße aufgelesene
patronenhülse eine nie mehr
nachmessbare weite

4 / St. Margarethen

Erste Frühe
Josef Marschall

Du und des Gartengrases Löwenzahn,
ihr habt, so hell im Felberlaubverschlag
den Morgenstern der Pirol grüßen mag,
die lieben Augen noch nicht aufgetan;

ganz leise tret ich in den frischen Tag.
Die Tür im hopfenüberschäumten Zaun
lässt ohne Laut sich in den Zapfen drehn,
lässt mich hinaus auf unsre Wiese gehn:
ich kann das Golgatha des Steinbruchs schaun,
seh Gottes Arche auf der Klippe stehn.

Nur Friede rings, getauft mit kaltem Tau.
Wie Jäger wartet hinterm Schilf der Wind.
Der Genesis uralte Züge sind
im Flaum heraufgetaucht. Doch nun schilt rauh
mich ein Fasan vom Bach her und entrinnt.

Ein Rohrhuhn ruft die ungenaue Welt,
des Mondes letztes Manna sammelnd, schweigt
der Salbei, noch vom Juni nicht umgeigt,
indes den Weinberg, der den See verstellt,
des Steppenostens Ocker übersteigt. 

5 / Rust

Nordwärts!
Katrin Bernhardt

Flatterndes Federkleid
Mein Schreibnest bezogen
im Vogelbeobachtungsturm
Storchensturm
Einfüßiges
Dein gebrochener Flügel
erzählt von Entbehrungen
von einem Absturz
Vielleicht
von der Grausamkeit der Menschen
Du kannst nicht mehr zurück
Bist hier gefangen
in den Weiten
deiner temporären Heimat
und wenn der Winter kommt
werden wir dich wiegen
wärmen
dir tröstende Lieder singen
dir von der Ferne erzählen
und dein Herz wird dir schwer sein

6 / Neusiedl am See

Der Neusiedler See
Franz Werfel

Der geschmolzenen Flut unbeweglicher Spiegel
Wird von dem flachen, dem tropischen Tiegel
Wie ein Luftgebilde umfasst.
Weit lagert am Fuß der bühligen Treppe
Im schleppenden Tag die wäßrige Steppe
Als Österreichs seltsamer Gast.

Vom Röhricht hat er um sich geschlagen
Den meilendicken, den borstigen Kragen
Zum Schutz der gefährdeten Brust.
Kein Hauch kann vom Leithagebirge fächern,
Kein Laut von Margretens storchstrohigen Dächern 
Und auch nicht die Glocke von Rust.

Die Röhrichtreiche geheim umklammern
Schatzinseln und Tümpel und Vorratskammern,
Smaragd-malachitnes Getier.
Aus dem trunken unkenden Rohrgefabel
Aufflattert ein weißlicher Löfflerschnabel
Wie im Winde zerfetztes Papier.

In des Neusiedler Sees schilfpelziger Krause
Ist der hohe Mittag der Welt zu Hause,
Hier hat er Wohnung und Staat.
Wenn die Reiher ihr Höhensteuer stellen,
Tritt er, dieweil ihn Frösche umgellen,
In einer Wolke von Geist-Libellen
Träg in das sandige Bad. 

Ohne Titel
Katrin Bernhardt

Einsilbiges Seegras
Luftleeres Ufer
Ferne mit Schwermut
Libellen beraubt
Andermal irdisch
mittlerweile ewiglich
tieftraurig trocken

7 / Mattersburg

mattersburg/ judengasse
Günter Unger

über dachfirste
und mondtrunkene platanenkronen
galoppieren chagalls pferde
sich paarend
mit sanften augen
und triefenden lefzen

8 / Lockenhaus

schatzkiste
Susanne Toth

am fuße des geschriebenen …
am zusammenfluss dreier bäche
im kirschbaum hinten am spitz 
auf wiesen draußen im wald
häuser aus moos und 
behutsames beachten
nichtsichtbaren lebens. 

9 / Šuševo/Nebersdorf

Šuševo
BRUJI (Text und Komposition)
(Annäherungsübertragung ohne Gewähr auf Perfektion: K. Tiwald)

1.Kad smo bižali, na športploci,
Smo se igrali protiv Šuševa.
A pak smo tancali na kiritofi,
Žene su se bile za nas u Šuševi.

Wie sind wir gerannt, auf dem Sportplatz,
wir haben gegen Nebersdorf/Šuševo gespielt.
Und dann haben wir auf dem Kirtag getanzt,
die Frauen waren hinter uns her in Šuševo.

Bridge: 

BRUJI su igrali kodno piflji,
S bine doli spali u Šuševi.

Die BRUJI haben wie „piflji“ (Büffel) gespielt
einer ist von der Bühne heruntergefallen in Šuševo.

2. Viski cola-rum su im naškodili
Gori su je stali dobri tovaruši

Whisky-Cola-Rum hat ihnen geschadet
Die guten Freunde haben ihnen beim Aufstehen geholfen

Ref:
/:Šuševo, Šuševo, Šuševo, ohoh
Šuševo, Šuševo, Šuševo:/
/:Kade je vino bolje:/

Wo ist der Wein besser?

3. A pak na hajmwegi nas je zustavila
Žandamarija, kod Šuševa.

Und dann haben sie uns aufgehalten auf dem Heimweg,
die Gendarmerie, bei Nebersdorf.

Hauchen Sie mich an, sprach die Amtsperson,
Sie ham ja vü-zu vü Alkoholpromü!

Bridge:
Prosim po hrvatsku, mi smo Šuševi!
A žandar po švabsku: I woaß net wos a wü?

Bitte auf Kroatisch, wir sind Šušever!
Und der Gendarm auf Deutsch: I woaß ned wos a wü?

Ref:
/: Šuševo, Šuševo, Šuševo, ohoh
Šuševo, Šuševo, Šuševo:/
/:Kade je vino bolje:/

Bridge:
Prosim po hrvatsku, mi smo Šuševi!
A žandar po švabsku: I woaß net wos a wü?

10 / Neumarkt im Tauchental

Neumarkt i.T., Aquarell
Katharina Tiwald

eingebettet (eingeklebt, Album) 
ins skandalös schöne
Tauchental, wohl
die einst versunkene 
Stadt, Neumarkt,
aus dem See (verdunstet, Luft)
wiedergeboren
mitsamt seiner Mannschaft,
algenumflort, alte Taucher, ihr Tal 
war dies hier, zwischen sich und
der Welt Sauerstoff-
masken.

Die Glocke aus Wasser gelüpft.

Wie aus Austern geknackte
Perlen liegen stille
Häuser gezurrt auf ein Band aus
Asphalt, das zustrebt dem auftrumpfenden
Kirchlein, wo wir gesungen haben, 
schief,
an manchen Sonntagen, bevor du
gestorben bist.

Als es geschah:
Tauchental, winterkahl war’s, aber
sonnenbemalt, sonnenumarmt alle
Hügel rundum die Welt
unterm Infrarotblick der 
Trauer beschienen
da sang die Altistin vom Chor herab

Bach:
bereite dich, Zion,
und
Bist du bei mir, geh ich mit Freuden 

11 / Badersdorf

Es herrscht Dürre
Martina Jakobson

ES HERRSCHT DÜRRE
wir erkunden das Weizenfeld
zerreiben Körner
zwischen den Fingern

über den Streifen aus Hellblau
Erde und Schorf
Gelb Ultramarin Ocker
flimmern rote Schatten

eine Kolonne
oder ist es eine Kavallerie
die sich im Angriff auf uns zubewegt
zu spät, um auszuweichen

meine Hände auf deinen Augen
als hinterlasse die Staubwolke
etwas Grausames,
das du nicht sehen sollst

Hommage an Kasimir Malewitsch, Juli 2022

12 / Eisenberg

vorfrühling im südburgenländischen weinland
Günter Unger

schwielige hände
beschneiden alte rebstöcke
pappeln am rande der hügel
nach osten zu offen die ebene
die der tagtraum noch dehnt
von primeln schwefelgelbe raine
zwischen den kellern, in denen
wir die neuen verkosten
umwölkt vom dunst der letzten fechsung
entgleitet dann trunken der heber
im spundloch
und im immer schwerer werdenden kopf
pochen horazens verse
diffugere nives
redeunt iam gramina campis
arboribusque comae…..

(Es schmilzt der Schnee
auf den Fluren kehrt das Grün zurück
und auf den Bäumen die Blätter…..)

13 / Güssing

Güssing
Karl Hofer

Güssing, das ist Erinnerung:
Ein Mädchenlachen, eine Freundesrunde,
Nächte auf der Burg und Spiele,
Sonnentage voll Tändeleien
und immer wieder Rückkehr
ins Überschaubare, in die Geborgenheit.
Einst waren es Mauern.
Die Erinnerung reißt sie nieder,
ihr Stoff sind nicht die Steine.
Sie webt die Träume von der Stadt
zu jenen Bildern
die Güssing einmalig machen
durch seine Menschen
seine Atmosphäre
und jenen Hauch von Größe,
der von einst herüberweht.

Güssing, das ist Gegenwart,
der Sprung über den Schatten,
der Blick über die Mauer.
Idee, Tatkraft,
Vollendung in Manchem,
Anfang in Vielem.
Kaum eine Stadt Österreichs
hat widrigere Umstände.
Kaum eine Stadt
hat sie besser bezwungen.
Deshalb ist Güssing Gegenwart.
Die Erinnerung ist tot,
die Historie gewinnt neue Bedeutung.
Namen und Daten sind Schall und sind Rauch
werden sie nicht neu umgesetzt
in eine wahrhaft städtische Gesinnung.
Das bedeutet Selbstbewusstsein und Offenheit
Kultur und Geschmack
Bewahren, Planen und Bauen.
Historie, Erinnerung und Gegenwart
das sind die Ströme.
Und ihre Vereinigung
ist die heutige Stadt.

14 / Mogersdorf

Aus: Die Weise von Liebe und Tod des Cornets Christoph Rilke
Rainer Maria Rilke

(…)

Ist das der Morgen? Welche Sonne geht auf? Wie groß ist die Sonne? Sind das Vögel? Ihre Stimmen sind überall.

Alles ist hell, aber es ist kein Tag.

Alles ist laut, aber es sind nicht Vogelstimmen.

Das sind die Balken, die leuchten. Das sind die Fenster, die schrein. Und sie schrein, rot, in die Feinde hinein, die draußen stehn im flackernden Land, schrein: Brand.

Und mit zerrissenem Schlaf im Gesicht drängen sich alle, halb Eisen, halb nackt, von Zimmer zu Zimmer, von Trakt zu Trakt und suchen die Treppe.

Und mit verschlagenem Atem stammeln Hörner im Hof:

Sammeln, sammeln!

Und bebende Trommeln.


Aber die Fahne ist nicht dabei.

Rufe: Cornet!

Rasende Pferde, Gebete, Geschrei,

Flüche: Cornet!

Eisen an Eisen, Befehl und Signal;

Stille: Cornet!

Und noch ein Mal: Cornet!

Und heraus mit der brausenden Reiterei.

– – – – – – – – – – – – – – –

Aber die Fahne ist nicht dabei.

15 / Minihof-Liebau

Landhofmühle-Tagebücher
Gerhard Altmann

Geborgen in Herrn Kastanienbaums Achselhöhle lieg ich mit Sternen auf der Haut. Stimm und stumm. Ich schwimme im Grasgeruch, lese im Wolkenbuch, ruhe im Sonnentuch.

Die Mühle mahlt das Zeitkorn auf den kleinsten Augenblick, der breitet sich über Brücke, Blicke und Biotop. Der Himmel als Kastanienbaum: mit blauen Händen (Kondensäste und Azurrinde), die beten um Unendlichkeit. Springfisch, im Bach stelzt es & die Entenschule schwimmt im Kreis. Das Steigen der Insekten, das Fallen der Blätter. 

Im Himbeerzimmer unterm Windstoff impft mir die Gelse Sommer ein.