Hier wird geschrieben

Wenn man sich Zeit für eine Längsfahrt durchs Burgenland nimmt, hört man vielleicht da und dort das Klappern von Tastaturen. In jedem Landesteil wird geschrieben, entstehen Bücher, Theaterstücke, Gedichte. Wer möchte, kann hier seinen „Lokalmatador“ finden – oder, noch besser, den Blick über den örtlichen Tellerrand heben, auf der Suche nach neuen literarischen Entdeckungen.

Wien

Reichshaupt- und Residenzstadt, Zweit-, manchmal überhaupt Wohnsitz unzähliger Burgenländer*innen, Schauplatz, Fluchtort, alles. Wien, Wien, nur du allein. Das Gasthaus „Zum Burgenländer“ befindet sich in Meidling; Burgenländer*innen befinden sich überall. 

1 / Bad Sauerbrunn

Hier wird nicht nur gekurt (und das vermutlich seit römischen Zeiten), hier wuchs und wächst Literatur: Richard Berczeller, der 1938 vor den Nazis in die USA fliehen musste, erlebte hier seine Kindheit und Jugend. Praktizierender Arzt, publizierte er u.a. in der renommierten Zeitschrift „New Yorker“ Kurzgeschichten. 
Karl Hofer, ehemaliger Intendant des ORF Burgenland und Autor, hat hier seine Zelte aufgeschlagen (u.a. erschien sein Roman „Mäusewässerer“ in der Edition der Provinz). 
Bad Sauerbrunn war außerdem die Heimat des viel zu früh verstorbenen Poeten, Autors und Buchhändlers Hubert Hutfless. Der Lyrikband „papier gesungen“ und die Storysammlung „Schneider fliegt“, eine surreale, liebevolle „Geschichte in 145 Versuchen“, sind in der edition lex liszt 12 erschienen.

2 / Breitenbrunn

Im Schatten des Breitenbrunner Turms steht der Streckhof, an dem die bildende Künstlerin Fria Elfen (*1934) in Fortführung der bekannten Künstler*innengemeinschaft „Werkstatt Breitenbrunn“ ihre Plexiglas-Sprach-Konstellationen fertigt – nachzulesen im Sammelband „Werkstatt Breitenbrunn 1967 – 1980“, Hrsg. Sabine Kritsch-Schmall und Eva Maltrovsky (edition lex liszt 12, 2013). 
In Breitenbrunn steht auch der Schreibtisch der Roman- und Krimiautorin Bernadette Németh, die u.a. den Krimi „Neusiedler Tod“ schrieb, erschienen bei Gmeiner.

3 / Deutsch Jahrndorf

In Deutsch Jahrndorf wachsen die Blumen im Garten von Karin Ivancsics, die keine Diebe mitnehmen. Die Autorin von Büchern wie „Aufzeichnungen einer Blumendiebin“ (Klever 2021) und „Zugvögel sind wir“ (edition lex liszt 12, 2022) ist u.a. künstlerische Leiterin der Literaturtage im Weinwerk in Neusiedl am See, eine großartige Vernetzerin unter Literaturschaffenden und war viele Jahre Vorsitzende der GAV Burgenland. Mehrere Reisen haben sie nach Sansibar geführt; wenn nicht auf Reisen, ist sie winters in Wien anzutreffen, ab dem Frühjahr aber in ihrem burgenländischen Garten. „Cäsar Siegfried Ida“ und „Aus der Ecke“ sind Texte aus ihrem Essayband „Aus einem Strich die Landschaft“ (edition lex liszt 12, 2015), die in Deutsch Jahrndorf verortet sind.

4 / Eisenstadt

Historisch betrachtet ist Eisenstadt Sitz einer großen jüdischen Gemeinde samt entsprechendem Schriftwerk; das ORF Landesstudio Burgenland mit Sitz in Eisenstadt produzierte jahrzehntelang eigene Hörspiele.
Jürgen Bauer und Barbara Zeman sind in der Landeshauptstadt geboren und aufgewachsen: beide sind Autor*innen mehrerer Romane (zuletzt „Styx“, 2024 bei Septime, von Jürgen Bauer und „Beteigeuze“, 2024 bei dtv, von Barbara Zeman). Jürgen Bauer arbeitet u.a. zu Theater und dessen medialer Vermittlung an der Wiener Volksoper; Barbara Zeman podcastet gemeinsam mit Clemens Setz unter dem Titel „Erster Österreichischer Sachbuchpreis“.
Auch der Lyriker Raoul Eisele ist in Eisenstadt geboren („Als Versprechen dieser Zeit“, Haymon 2024); Sanja Abramović und Michaela Frühstück, deren Medium die Prosa ist, leben und schreiben ebenfalls hier. Sanja Abramovićs Debütband „Heimsuchung“ erschien in der edition lex liszt 12; Michaela Frühstück führt uns auf Spuren einiger sehr sympathischer älterer Damen an den Po und darüber hinaus, ihre Romane „Teta Jelka überfährt ein Hendl“ und „Missis Karlovits überfährt den Po“ erschienen ebenfalls in der edition lex liszt 12.
Ein erst auf den zweiten Blick literarischer Ort in Eisenstadt ist Klaus-Jürgen Bauers Architekturbüro. Seine profunden, klasse geschriebenen architektonischen Betrachtungen erscheinen im Newsletter der Wiener Wochenzeitung „Falter“ sowie im „Spectrum“, der Wochenendbeilage der „Presse“.

5 / Großshöflein

Großhöflein ist Ort der Kindheit von Theodora Bauer, deren Werke für ihre literarische Raffinesse und intime Einblicke in die menschliche Natur bekannt sind. Ihr Roman „Chikago“ thematisiert die Massenauswanderung der Burgenländer in die USA;  ihr Debütroman „Das Fell der Tante Meri“ zeigt Österreich als „Idyll mit Schreckenseinsprengseln“ (Rezension der „Salzburger Nachrichten“).
Außerdem in Großhöflein am Leben und Schreiben: Helene Flöss, Autorin von Romanen wie „Hungerjahre“ (Haymon, 2007) und dem Burgenland-Grenzroman „Brüchige Ufer“ (Haymon, 2005) und Günter Unger, jahrzehntelang Leiter der Kulturabteilung des ORF Burgenland, Herausgeber der Literaturzeitschrift „Wortmühle“ und mehrerer Anthologien sowie Autor von Romanen und Biographien. 

6 / Jois

Zwischen den Joiser Rebstöcken sind der Poet Robert Frittum („Orbret. Brunftgedichte und Fleischballaden“, edition lex liszt 12) und seine Gitarre zuhause.

7 / Klingenbach / Klimpuh

Zwischen den Joiser Rebstöcken sind der Poet Robert Frittum Nach Jahren in Belgrad, Kopenhagen und Prag als Mitarbeiterin des Ministeriums für Europa, Integration und Äußeres schreibt Dorothea Zeichmann in Klingenbach bei Eisenstadt – und zwar zweisprachig. Hier in der Wulkaebene, zu der auch Siegendorf, Wulkaprodersdorf, Trausdorf und andere Orte gehören, wurde früher, wie Zeichmann in ihrem neuesten Prosawerk „Teta Mare/Tante Maria“ beschreibt, fast ausschließlich Kroatisch gesprochen. Dieser Zeit setzt Zeichmann ein Denkmal. Auch das zutiefst burgenländische Phänomen des Pendelns hat sie im Buch „Od jutra do noći“ in beiden Sprachen literarisch dokumentiert.(„Orbret. Brunftgedichte und Fleischballaden“, edition lex liszt 12) und seine Gitarre zuhause.

8 / Mattersburg

Herta Kräftner zählt zu den gewichtigsten Stimmen des Burgenlandes: die gebürtige Mattersburgerin war vor ihrem frühen Freitod 1951 Mitglied des literarischen Kreises, der sich im Wiener Café Raimund traf, darunter eine junge Friederike Mayröcker, Jeannie Ebner und H.C. Artmann. Ihre Notizen und Tagebücher verarbeiten nicht nur Eindrücke aus der Kindheit in Mattersburg, sondern greifen aus: auch Norwegen und Paris gehören zu Kräftners Lebensstationen. Ihre Texte sind unter dem Titel „Kühle Sterne“ bei Suhrkamp erschienen.
Heute kann man nicht „Mattersburg“ und „Literatur“ in einem Atemzug nennen, ohne das Literaturhaus zu erwähnen, das als geistiges Wohnzimmer zahlreicher Autor*innen fungiert, so zum Beispiel von Thomas Hofer, der im Mattersburger Ortsteil Walbersdorf lebt und arbeitet.

9 / Neusiedl am See

Austragungsort der Literaturtage im Weinwerk (künstlerisch geleitet und organisiert von Karin Ivancsics), ist Neusiedl am See auch Schreib-Ort. Hier und hier herum schreiben und arbeiten zum Beispiel Jakob Perschy, Meister der kurzen Form, der gleichzeitig als größtes lebendes Archiv der burgenländischen Literatur fungiert, der Sprachspieler Michael Hess und die Lyrikerin Eleonora Schulmeister.
Direkt in Neusiedl am See betrieb Nick Titz bis zu seinem Tod 2013 die Ateliergalerie „In der Gerbgruben“ und gab als Vorsitzender des „Neusiedler Literatur Clubs“ die „Gerbgruben Literatur“ heraus.

10 / Pöttsching

Vielleicht kann Gerhard Altmann aus dem Fenster seines Schreibzimmers in Pöttsching eine Karl-Prantl-Figur sehen. Der Lyriker, der seine Texte bisweilen auch vertont, ist wohl einer der am stärksten mit der nordburgenländischen Landschaft verwachsenen Literat*innen vor Ort: in seinen Texten werden die Weinberge, die Obstgärten, die Hügellandschaften lebendig. Der studierte Germanist schrieb seine Abschlussarbeit über Hertha Kräftner und arbeitet auch als Journalist und Pressesprecher; in dieser Funktion verantwortete er viele Jahre die Vergabe des BEWAG-Lyrikpreises, später Energie Burgenland Lyrikpreis. Seine Lyrikbände erschienen in der edition lex liszt 12, sein Album „König der Plastikviecher“ kann man auch streamen.Direkt in Neusiedl am See betrieb Nick Titz bis zu seinem Tod 2013 die Ateliergalerie „In der Gerbgruben“ und gab als Vorsitzender des „Neusiedler Literatur Clubs“ die „Gerbgruben Literatur“ heraus.

11 / Schützen am Gebirge

Jetzt, wo Schützen am Gebirge durch eine großzügige Umfahrung Richtung Eisenstadt umschifft wird, hat Siegmund Kleinl vielleicht etwas mehr Ruhe zum Schreiben. Der Germanist und Theologe ist einer der sprachgewandtesten und feinsinnigsten Lyriker nicht nur des Burgenlands. Auch Theatertexte und Prosa gehören zu seinem Werkkatalog. Sein Drama „Entscheidungsspiel“ wurde verfilmt (Regie: Peter Wagner) und auf einer riesigen Leinwand im Pappelstadion zu Mattersburg vor tausenden Menschen uraufgeführt. Manche seiner Werke speisen sich aus einem biblischen Hintergrund, manche drehen sich um Persönlichkeiten wie Liszt oder Haydn; in „Entschuldichtung“, einem Prosawerk (Edition Marlit), arbeitete er seine entsprechenden Erfahrungen als langgedienter Lehrer auf.

12 / Siegendorf

Auf ihren Spaziergängen durch das Siegendorfer Naturschutzgebiet fliegen der Autorin und Kulturvermittlerin Beatrice Simonsen regelmäßig Ideen für ihr Schreiben und ihre Literaturarbeit zu. Sie müsse, so erzählt sie, oft geradezu nach Hause rennen, um sich Notizen zu machen. Einige ihrer Erzählungen im Kurzgeschichtenband „Der Himmel bis zur Erde“ (edition lex liszt 12, 2022) sind in Siegendorf verortet. In der Anthologie „Behaust. Menschen unter Dach im Burgenland“ (Edition Marlit, 2016, Hrsg. K. Tiwald) führt sie die Lesenden durch die Siegendorfer Zuckerfabrik. 

13 / Sigleß

Hier hat Wolfgang Millendorfer im Alter von ungefähr acht seine erste Kurzgeschichte geschrieben (von der kleinen Katze, die sich auf dem Nachhauseweg verirrt / das Büchlein ist leider ebenso verschwunden), hier schreibt er heute weiter. Angefangen hat das mit dem Schreiben irgendwo zwischen Sigleß, Wien, Mattersburg und Eisenstadt – und am schönsten ist es doch zuhause, meint Millendorfer.

14 / Winden

Die „Windener Literaturtage“, an denen im Lauf der Jahre Persönlichkeiten wie der tschechische Literat und Diplomat Jiří Gruša teilnahmen, gehen auf die Initiative des Schriftstellers Helmut S. Milletich zurück, der jahrzehntelang nicht nur schreibend, sondern auch als Funktionär des österreichischen P.E.N.-Clubs für die Entwicklung der burgenländischen Literatur tätig war und dafür sorgt, dass die Verbindung der hiesigen Literatur den Bezug sowohl zur Weltliteratur als auch zur regionalen und dörflichen Literatur behält. 2007 erhielt er den Landeskulturpreis für Literatur. Sein opus magnum „1921 – Familientreffen“ erschien 2021 zum 100. Geburtstag des Burgenlandes bei Löcker und zeichnet die vielsprachige Geschichte des Burgenlands nach.
Auch Eva Schreiber lebt in Winden: sie ist eine Poetin der Kamera, ihr Kurzgeschichtenband „Eine Ahnung vom Ende des Glücks“ ist in der edition lex liszt 12 erschienen.

15 / Zagersdorf / Cogrštof

An einem Karfreitag hat Ana Schoretits in Cogrštof/Zagersdorf das Licht der Welt erblickt. Hier lebt und wirkt sie weiterhin. Nach vielen Jahren als Medienbeauftragte der Diözese Eisenstadt und Regisseurin der örtlichen Theatergruppe, für die sie Stücke schrieb – ein Beweis für die Kraft, die Literatur vor Ort entfalten kann – gab und gibt sie zweisprachige Prosa- und Lyrikbände heraus, zum Beispiel „Nicht wissen, woher man kommt“ (edition lex liszt 12, 2016), und ist eine sehr aktive Lesereisende.

16 / Hochstraß bei Lockenhaus

An einem Karfreitag hat Ana Schoretits in Cogrštof/Zagersdorf das Licht der Welt erblickt. Hier lebt und wirkt sie weiterhin. Nach vielen Jahren als Medienbeauftragte der Diözese Eisenstadt und Regisseurin der örtlichen Theatergruppe, für die sie Stücke schrieb – ein Beweis für die Kraft, die Literatur vor Ort entfalten kann – gab und gibt sie zweisprachige Prosa- und Lyrikbände heraus, zum Beispiel „Nicht wissen, woher man kommt“ (edition lex liszt 12, 2016), und ist eine sehr aktive Lesereisende.

17 / Lockenhaus

Word-Art-Performerin mit Leib und Seele: Susanne Toth hat in Lockenhaus ihre Wurzeln, wo auch die Kammer- und Orgelmusik hochgehalten wird. Ihre feinsinnigen Texte lassen sich am besten live erleben, aber auch nachlesen, zum Beispiel im Lyrikband „wir sind“ (fabrik@transit, 2018). Ihr Langgedicht-Kurzprosa-Kunstwerk „Kathedrale Burgenland“ ist im Sammelband „Behaust. Menschen unter Dach im Burgenland“ zu finden (Edition Marlit 2016, Hrsg. Katharina Tiwald).

18 / Operpullendorf

Wer durch Oberpullendorf fährt, wird das Kino bemerken. Mittlerweile stillgelegt, war es lange Zeit einer der Wirkungsorte von Jutta Treiber, die jahrzehntelang auf mehreren Kontinenten der Erde mit Lesungen, vor allem aus ihrer Kinder- und Jugendliteratur, gastiert hat. Ueberreuter war lange ihr „Hausverlag“. In den letzten Jahren erschienen Romane, die auf ein erwachsenes Publikum zielen, wie etwa „Die Zeit und Hannah“, sowie Kurzgeschichten- und Lyriksammlungen in der Oberwarter edition lex liszt 12.

19 / Großwarasdorf / Veliki Borištof

Wenn es irgendwo rockt, dann zuerst wohl hier, in Großwarasdorf. Die Band Bruji erfand den „Krowodn-Rock“, und die KUGA, das Kulturhaus des Vereins „Kulturna Zadruga“, füllt sich regelmäßig mit Musik in den Sprachen des Burgenlands – nebst Theater, Kabarett und vielem mehr.
Konstantin Milena Vlasich ist in dieser kreativen und bunten Atmosphäre aufgewachsen. Der junge Journalist und Autor ist Chefredakteur der burgenlandkroatischen Online-Plattform noviglas.online und hat vor kurzem mit „Erac wird beim Schnapsen verspielt. Gemište Texte“ sein Debüt in der edition lex liszt 12 vorgelegt. 

20 / Horitschon

Hier, und zwar im Ortsteil Unterpetersdorf, lebt und schreibt die Autorin und Radiokünstlerin Petra Ganglbauer, deren Werk Kurzprosa- und Lyrikbände umfasst, etwa „Lauergrenze, Mensch!“, erschienen bei Limbus. Ihre Brückenschläge zum Medium Radio sind immer wieder auf Sendern wie Ö1 zu hören. Außerdem ist sie als Mitbegründerin des Berufsverbands Österreichischer Schreibpädagog*innen in der Vermittlung des schriftstellerischen Handwerks aktiv.

21 / Nikitsch / Filež

Eine in Österreich so gut wie unbekannte Persönlichkeit ist der ungarisch-nationalistische Schriftsteller György Somogyvary, der in Nikitsch geboren wurde, nach dem 1. Weltkrieg im ungarischen Rundfunk tätig war, Gedichte und Romane schrieb und aufgrund „antinazistischer“ Äußerungen 1944 nach Mauthausen deportiert wurde. Er starb 1953 auf dem Weg in ein ungarisches Internierungslager. 
Viel heller sind die Lektüren der Bücher von Andrea Kerstinger. Sie schreibt Gedichte und Kurzprosa, bisweilen zwischen den Genregrenzen, auf Deutsch und Burgenlandkroatisch: „Fingerübungen. pannonisch prosaisch poetisch“ und „Irgendwo dazwischen“ sind in der edition lex liszt 12 erschienen. 

22 / Bad Tatzmannsdorf

Es lässt sich schwer rekonstruieren, ob Franz Grillparzer, damals schon ein älterer Mann, in Bad Tatzmannsdorf Literatur produziert hat, als er hier zur Kur war; auf jeden Fall ist sein Aufenthalt in Briefen dokumentiert.
Außerdem hat Gert Polster seine Wurzeln in Bad Tatzmannsdorf. Er ist Direktor des Landesmuseums Burgenland und als solcher Herausgeber der Reihe „Schlaininger Gespräche“ und von Ausstellungskatalogen.

23 / Burg​

Die ehemalige keltische Metropole – um ein Haar hätte man von der „Burger“, nicht von der „Hallstatter“ Kultur gesprochen – ist Wahlheimat des Lyrikers und Essayisten Ferdinand Schmatz. Er war u.a. Juror beim Bachmannpreis und leitete bis 2020 das Institut für Sprachkunst an der Universität für Angewandte Kunst. „Strand der Verse Lauf“ (Haymon, 2022) ist sein jüngster Gedichtband, der – gänzlich unburgenländisch – an Stränden und am Meer spielt. Oder stand der Burger Stausee ein bisschen Pate?
Die genaue Beobachtungsgabe teilt er mit der Fotografin Elfie Semotan, mit der er 2022 im Verlag Residenz den Band „Die Kamera (Dinge des Lebens)“ herausgab; auch Semotan hat einen Zweitwohnsitz im Burgenland, und zwar in Jennersdorf.

24 / Eisenberg

Martina Jakobsons schreiberische Homebase sind die Weingärten des Eisenbergs. Seit 2019 ist sie nicht mehr in Berlin, sondern hier heimisch. Von hier aus unternimmt sie ihre Streifzüge in die Grenzlandschaft des Burgenlands, wie sie sagt, und bildet sie in ihren Gedichten ab: Orte von Badersdorf bis Schandorf haben in ihren Lyrikband „Hier biegen wir ab“ (edition lex liszt 12, 2022) Einzug gehalten. Von ihrem Schreibtisch aus sieht sie bis zum Balaton. Der Titel des Lyrikbands ist einem Gespräch zweier Radfahrer entlehnt, geführt nahe ihrer Haustür an der „Paradiesroute Südburgenland“: „Hier ist doch das Paradies – hier biegen wir ab.“

25 / Großpetersdorf

Linda Csencsits, Reinhold Konzett-Stumpf, Katharina Tiwald: gleich drei Schreibende sind hier aufgewachsen, offenbar ist Großpetersdorf ein anregendes Pflaster. Tiwalds Romane „Macbeth Melania“ und „Mit Elfriede durch die Hölle“ erschienen im Wiener Verlag Milena, Reinhold Konzett-Stumpf ist Autor mehrerer Theaterstücke, uraufgeführt u.a. im Dschungel Wien und im Offenen Haus Oberwart. Linda Csencsits veröffentlichte ihren Lyrikband „Liebe und andere Rasereien“ 2013 in der edition lex liszt 12. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis Großpetersdorf auch Schauplatz eines Romans wird. Immerhin besagt die lokale urban legend, eine Magd habe vor gut 100 Jahren bei der Rückkehr von einem Tagesausflug (in nicht transkribierbarem Dialekt) gesagt: Großpetersdorf, ich will dich in Samt einschlagen, ich fahr nicht mehr fort. 

26 / Güssing

Güssing ist in vergangenen Jahrhunderten Heimat mehrerer Schreibender, darunter auch Autoren von Wissenschaft, gewesen: Carolus Clusius schrieb hier im ausgehenden 16. Jahrhundert die erste Pflanzenkunde Österreichs, Ferenc/Franz Faludi, Verfasser barocker Lieder und des jesuitischen Trauerspiels „Konstantin Porphyrogennetos“, wurde 1704 hier geboren. Nach dem Mundartdichter Josef Reichl ist das Auswanderermuseum Güssing benannt. An der Karlsuniversität Prag war der habilitierte Historiker Samuel Steinherz tätig, geboren in Güssing; er kam 1942 im Ghetto Theresienstadt um. 
Aus Güssing stammt außerdem Heinz Janisch, Ö1-Moderator und Autor, der für seine Kinderbücher 2024 mit dem internationalen Hans Christian Andersen Award und dem Christine-Nöstlinger-Preis ausgezeichnet wurde.

27 / Hannersdorf

Hier, umgeben von Natur, lebt Rosa Pock in einem alten Streckhof. Nach dem Tod ihres langjährigen Ehemanns H.C. Artmann rückte ihr eigenes literarisches Schaffen in den Vordergrund, etwa in „Eine kleine Familie“ (Droschl, 2004) oder „Ein Jahr im Leben einer Infantin“ (Ritter, 2023). 

28 / Kukmirn

Als Kind, erzählt Petra Piuk, habe sie auf dem Bauernhof der Großeltern bei der Apfelernte geholfen. Heute lebt sie zwar hauptsächlich in Wien, kommt aber gern immer wieder zurück ins Südburgenland. Für ihren preisgekrönten Roman „Toni und Moni oder: Anleitung zum Heimatroman“ (kremayr & scheriau, Wortmeldungen Preis 2018) hat sie in Kukmirn recherchiert. 2024 wurde sie für „Josch der Froschkönig“ (Leykam) mit dem Österreichischen Kinder- und Jugendbuchpreis ausgezeichnet. 

29 / Litzelsdorf

In einem erweiterten Bauernhaus ist Peter Wagners literarisch-filmische Werkstatt untergebracht. Der Autor, Filmemacher und Regisseur hat mit seinem Konzept von „Theater am Ort“ die regionale Theaterlandschaft maßgeblich geprägt: in den 1990er Jahren wurden zahlreiche seiner Stücke in eigener Regie im Offenen Haus Oberwart uraufgeführt, darunter „Burgenland. Eine Farce“ und „März. Der 24.“. Einige Produktionen wurden im Rahmen der Burgspiele Güssing uraufgeführt, darunter „Teufel, Tod und Hex“. Sein Roman „Die Burgenbürger“ ist der Burgenlandroman schlechthin: hier wird Hans Niessl am Sozius der „Roten Tante“, die in den Illustrationen unschwer als Bruno Kreisky zu erkennen ist, durch die burgenländische Geschichte gefahren. Wagner ist mittlerweile Intendant der Theaterinitiative Burgenland und hat eine Vielzahl von Stücken burgenländischer Autor*innen inszeniert, u.a. von Clemens Berger, Katharina Tiwald und Siegmund Kleinl. 

30 / Oberwart / Felsőőr /  Erba

Clemens Berger, aufgewachsen in Oberwart, ist für seine vielschichtigen literarischen Werke bekannt. Nach einem Studium der Germanistik und Philosophie in Wien debütierte er 2005 in der Oberwarter edition lex liszt 12 mit seiner Kurzgeschichtensammlung „Der gehängte Mönch“; Oberwart, Rechnitz und der Eisenberg sind Schauplätze dieser Erzählungen. Seitdem hat er mehrere Romane, Erzählungen und Theaterstücke veröffentlicht, darunter „Die Wettesser“ und „Im Jahr des Panda“. Seine Werke behandeln oft existenzielle Themen wie die mehr oder weniger verzweifelte Suche nach menschlicher Nähe. Das Burgenland ist immer wieder Schauplatz und Inspiration seiner Texte, zum Beispiel im Roman „Der Präsident“, der sich um den (aus dem Burgenland stammenden) Doppelgänger von Ronald Reagan dreht.
Auch Stefan Horvath, unermüdlicher Chronist der Geschichte der einheimischen Roma, des Bombenattentats von Oberwart 1995 und seiner Folgen, lebt und arbeitet in Oberwart. Der Kabarettist Harald Pomper und der Investigativjournalist Kurt Kuch (+ 2015) stammen aus Oberwart, und Franz Stangls Csaterberg-Krimis entstehen ebenfalls hier.
Nicht wegzudenken aus Oberwart sind das Verlagshaus edition lex liszt 12 und das OHO, das Offene Haus Oberwart, eines der innovativsten Zentren für zeitgenössische Kunst in Ostösterreich und Ort vieler Theateruraufführungen burgenländischer Autor*innen.